16.02.2020

Interview mit Schmalle über islamische Dachverbände und einiges mehr...

Der antifaschistische Blogger Schmalle (SchmalleunddieWelt) wird auf Einladung der Grünen Jugend Trier-Saarburg und der Grünen Trier am 07. März 2020 um 18 Uhr in der Saarstraße 51 in Trier einen Vortrag über die Verflechtungen der islamischen Dachverbände in Deutschland mit nationalistischen und islamistischen Bewegungen halten. Unser Vorstandsmitglied Nicolai Jacobs führte deshalb im Vorfeld ein Interview mit ihm.

HSchmalle, wir als Grüne Jugend Trier-Saarburg haben dich ja in Zusammenarbeit mit den Trierer Grünen zu einem Vortrag über islamische Dachverbände und deren ideologische und nationalistische Verflechtungen eingeladen. Daher meine Einstiegsfrage: Gehen die Grünen deiner Wahrnehmung nach zu unkritisch mit dem Thema Islamverbände um?

Solidarische Grüße nach Trier. Vorab ist es wichtig, die aktuelle Situation differenziert zu betrachten. Genauso wenig wie es "DIE" Linken als homogenen Block gibt, gibt es diesen natürlich auch nicht in der Grünen. Wenn ich mir die Arbeit von Volker Beck oder Aussagen von Cem Özdemir anschaue, muss ich festhalten, dass es sehr wohl Akteur*innen in der Grünen gibt, die wichtige Arbeit bezüglich der Kritik islamistischer Strukturen leisten. In diesem Kontext begrüße ich auch den Flügel der Säkularen Grünen NRW, insbesondere ihren Sprecher Werner Hager, der mich sogar schon Zuhause besucht hat, um sich auszutauschen. Gleichzeitig sehe ich aber auch beispielsweise die Grünen in Hamburg, die trotz aller Skandale, unbelehrbar an den Verträgen mit der dortigen Schura festhalten wollen. Hier empfinde ich vor allem die Aussagen Katharina Fegebanks als unerträglich. Wenn wir uns vor Augen führen, dass u.a. das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) in dieser Schura organisiert ist, welches durch Volker Beck als eine "vom Iran politisch gesteuerte Gruppe" beschrieben wird, also durch ein Regime das Minderjährige an Baukränen aufhängt, dann frage ich mich, wo die Verantwortlichen in Hamburg ihre Maßstäbe setzen. Das IZH ist zudem im Zentralrat der Muslime (ZMD) organisiert, wodurch es indirekt immer mit am Verhandlungstisch sitzt, wenn der Innenminister zur Islamkonferenz einlädt. Das sind aus humanistischer Sicht untragbare Zustände, an denen auch Teile der Grünen beteiligt sind. Hier gilt es scharfe wenn auch differenzierte Kritik zu äußern.

Was hältst in du in diesem Kontext von der Entscheidung der grünen Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein, das Tragen von Burkas und Niqabs im universitären Kontext nicht verbieten zu wollen?

Ich bin kein großer Fan der gesamten Diskussion rund um die islamische Verschleierung, weil diese oftmals nur Symptome behandelt und recht schnell in rechtspopulistische Rundumschläge abgleitet. Andererseits finde ich es schwierig, wenn Menschen in einer Universität aufeinander treffen und einige nicht in ihr Gesicht zeigen wollen. Völlig unabhängig der Bewertung fundamentalistischer Symbole, kann so kaum ein Austausch, Kommunikation und vor allem kein solidarisches Miteinander entstehen. Hier ist die Politik gefragt, klare Regeln für alle Studierenden aufzustellen, um ein sinnhaftes Mindestmaß an Interaktion zu gewährleisten.

Welche muslimischen Verbände und Initiativen eignen sich deiner Meinung nach als Ansprechpartner für die Politik?

Leider haben es liberale und säkulare Muslim*innen in den letzten 30 Jahren verpasst, sich effektiv in der Breite zu organisieren. Der Liberal-Islamische Bund (LIB), der 2010 gegründet wurde, hat bisher nicht die Möglichkeit als auch den Einfluss, Mainstream-Debatten der heterogenen islamischen Communities zu beeinflussen. Ich sehe einige Vorstöße des LIBs durchaus kritisch, denke aber, dass wir es hier mit Demokrat*innen zu tun haben. Vorstöße wie das Muslimische Forum Deutschland (MFD), das u.a. durch Mouhanad Khorchide, Ahmad Mansour und Abdul-Ahmad Rashid gegründet wurde, sind mit der Zeit im Sande verlaufen. Alle drei Genannten würde ich aber für den interkulturellen Dialog mit islamischen Strömungen empfehlen. Genauso wie Sineb El Masrar oder Lale Akgün. Es geht also auch darum, sich von der deutschen Bürokratie ein stückweit zu lösen und den Kontakt eher zu Einzelpersonen, Wissenschaftler*innen und Theolog*innen zu suchen. Die Öffnung der Islamkonferenz auch für liberale Muslim*innen begrüße ich daher ausdrücklich. Hierzu sollte man wissen, dass die islamischen Dachverbände, die alle vier mindestens ultra-konservativ ausgerichtet sind, es über Jahre erfolgreich verhindert haben sollen, dass eben liberale und vor allem kritische Stimmen an der Konferenz mit dem Innenminister teilnehmen konnten.

Du erwähnst in deinem Blog immer mal wieder, dass dir von Personen aus dem linken Spektrum „antimuslimischer Rassismus“ vorgeworfen wird. Als letztes hat dich Kübra Gümüsay nach einer konstruktiv und respektvoll vorgetragenen Kritik an Referenzen in ihrem Buch „Sprache und Sein“ und ihrer mangelnder Distanzierung von Islamist*innen auf Twitter blockiert. Haben wir Linke die Religionskritik verlernt?

Nein, es gibt stabile Genoss*innen, die die Zeichen der Zeit verstanden haben. Sie können sich bisher anscheinend nur nicht in den Parteien durchsetzen oder haben diese desillusioniert verlassen. Was spürbar fehlt, ist die theoretische Grundlage in vielen linken Gruppen und Flügeln. Wo findet man dort eine eigene Islamismus-Definition? Wenn die Theorie fehlt, kann keine oder nur eine "bauchgesteuerte" Praxis aus ihr erwachsen. Dabei geht es auch darum, mutig zu sein und kreative Lösungen für neue Konflikte zu finden. Es ist richtig, dass die größte Gefahr für das Grundgerüst der Bundesrepublik derzeit von deutschen Rechtsaußen-Bewegungen ausgeht. Gleichzeitig kann man aber nicht ignorieren, dass es laut Experten wie Kemal Bozay, ca. 18.500 organisierte rechtsradikale Graue Wölfe in der Bundesrepublik gibt. Bozay rechnet diesem Milieu auch den türkisch-islamischen Verband ATIB zu, welcher wiederum einflussreich im Zentralrat der Muslime organisiert ist. Hier kritisch zu analysieren und differenziert Fakten herauszuarbeiten, wird eine Mammutaufgabe für junge Genoss*innen in den nächsten Jahrzehnten sein.

Nach der Tötung des Kommandeurs der islamistischen Quds-Einheiten, Qasem Soleimani, verurteilten breite Teile der linken und linksliberalen Öffentlichkeit – darunter auch viele Grüne – das ihrer Meinung nach aggressive Verhalten der USA im Nahen Osten. Wie erklärst du dir, dass im Vergleich dazu der Aufschrei über die – auch oft gewalttätigen – Einmischungen des Irans in der Region und dessen Vernichtungsrhetorik gegenüber Israel kaum zu vernehmen war bzw. ist?

Einige Linke sehen islamistische Bewegungen als Verbündete im Kampf gegen den Imperialismus, insbesondere gegen die USA und eben auch Israel. Teile der linken Bewegung propagieren einen aggressiven Antizionismus mit fließenden Übergängen zum Antisemitismus. Da fällt die iranische Vernichtungsrhetorik gegenüber Israel leider auf fruchtbaren Boden. Hierbei geht es auch darum, dass einige Genoss*innen nicht anerkennen wollen, dass der Islamismus eine Art des klerikalen Faschismus darstellt. Insbesondere das Mullah-Regime ist der Prototyp dessen. Solange man diese Gegebenheiten nicht anerkennt, kann sich der antifaschistische Kampf nicht gegen ausnahmslos jeden Faschismus richten, und ist im Falle des Islamismus beinahe handlungsunfähig. Dieses Vakuum nutzen Rechtspopulist*innen, die die Islamismus-Kritik für ihre eigene fremdenfeindliche Ideologie instrumentalisieren.

Du arbeitest als Erzieher viel mit Muslim*innen und bietest auch einen Impulsvortrag an, der sich mit dem von Rechten oft verbreiteten Gerücht des importierten Antisemitismus auseinandersetzt. Inwieweit spielen die von dir kritisierten Islamverbände diesem rechtsextremen Narrativ in die Hände?

Ich denke, dass Rechte rechts sind, weil sie rechts sein wollen. Sie brauchen keine islamischen Dachverbände dazu, ihre Ressentiments auszurichten. Natürlich gibt es unter einigen Geflüchteten, die aus islamistischen Regimen kommen, auch ausgeprägte antisemitische Weltbilder. Ich würde soweit gehen, dass ein Großteil der islamistischen Regime im Nahen- und Mittleren Osten ein dezidiert israel-feindliches Bildungssystem geschaffen haben. Das ist die eine Seite der Medaille. Schaue ich mir gleichzeitig aber die deutsche Gesellschaft an, so muss ich relativ schnell feststellen, dass antisemitische Stereotype nach wie vor weit in die Mitte der Gesellschaft reichen. Nach dem versuchten antisemitisch-motivierten Anschlag des Rechtsterroristen Balliet wurde dessen Mutter zu den Beweggründen ihres Sohnes befragt. Die Dame, die wohl als Grundschullehrerin arbeitet, sagte daraufhin, dass ihr Sohn nichts gegen Juden habe, nur gegen die Leute, die hinter der finanziellen Macht stünden. Das ist klassische Nazi-Rhetorik, die davon ausgeht, dass Jüdinnen und* Juden über die Finanzmärkte die Welt kontrollieren. Gerade hier zeigt sich, dass Antisemitismus eben nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft stattfindet.

Nun noch zu deiner politischen Laufbahn. Du schreibst im Vorstellungstext deiner Website, dass du „bereits in verschiedenen Jugendverbänden linker Parteien aktiv [warst] und [...] dort umfangreiche Erfahrungen und Einblicke [gesammelt hast], die [dich] nachhaltig beeinflusst und geprägt haben.“ Welche Jugendverbände waren das und was für Erfahrungen und Einblicke hast du dort im negativen wie im positiven Sinn gesammelt?

Ich war erst einige Jahre JUSO und habe mich dann später der linksjugend ['solid] in Oberhausen angeschlossen. In der SPD war ich weniger aktiv, eher in der solid. Ich habe in beiden Organisationen deutlich wahrgenommen, dass vor allem weiße, privilegierte Deutsche ohne Migrationshintergrund dort aktiv sind. Es fehlt den Parteien definitiv der interkulturelle Faktor. In der SPD noch mehr als in der Linken, wo häufig kurdische Genoss*innen organisiert sind. In der solid Oberhausen hatten die meisten Genoss*innen kein oder wenig Wissen zum Thema Islamismus. Ob es nun Naivität oder Unsicherheit war, das Ansprechen solcher Themen war nie ganz einfach. Allerdings konnte ich vor allem die ältere Generation der Linken in Oberhausen von meinen Argumenten überzeugen, was ein großer Erfolg damals war. Kurz danach folgten aber massive Konflikte mit dem damaligen Vorstand der solid-NRW, einer der Gründe, warum ich die linksjugend 2016 verließ. Wichtig ist mir hier zu erwähnen, dass ich nicht an eine sozialistische Revolution glaube, sondern an parlamentarische Reformen auf Grundlage der Menschenrechte, die nach und nach eine gerechtere, emanzipatorische und inklusive Gesellschaft schaffen. In diesem Sinne war es damals das Beste, mich frei von Parteien und deren Programm zu machen.

Vielen Dank für das Interview!

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